Editorial: Baby Racer

In seinem monatlichen Editorial bezieht DSK-Präsident Dr. Karl-Friedrich Ziegahn Stellung zu aktuellen Themen. 

Formel 1 mit 17 wie Max Verstappen, Formel 3 mit 16 und Formel 4 mit 15. Heute hat sich der Rennsport dramatisch verändert. Eine Entwicklung, wie wir sie in vielen anderen Sportarten gesehen haben (Stichwort ‚Kinderturnen‘). 160 PS und 210 km/h Spitze sind die Leistungsmerkmale der neuen Formel 4. Würden Sie solch einem Fahrzeug in den Händen von 15-Jährigen auf der Straße begegnen wollen?

Ich bin schon überzeugt, dass ein Jugendlicher, der mit sieben oder acht Jahren im Kart angefangen hat, technisch in der Lage ist, mit 15 einen Formel 4 zu beherrschen. Aber kann er oder sie auch mental ein Rennen bestreiten? Bringt er die nötige Übersicht und Abgeklärtheit mit Risiken einzuschätzen, die Gefahr für Mitbewerber in einem Rad-an-Rad Duell zu beurteilen?

Diese Saison ist mit spektakulären Rennen der Nachwuchsformeln in Monza, in Spielberg oder in Spa gestartet. Unfallserien mit glücklicherweise glimpflichem Ausgang zeigen mir, dass ein ungeheurer Druck auf den Baby-Racern lastet. Wer ab 250.000 Euro aufwärts für ein Cockpit hinblättern muss, ist in der Pflicht zu liefern. Eltern, Verwandte, Sponsoren erwarten einen zweiten Hamilton, Rosberg oder Vettel. Dazu kommt, dass die Fahrzeuge heute Gott sei dank ein sehr hohes Maß an Sicherheit bieten. Aber welch falscher Eindruck setzt sich in den Köpfen der Teenies fest, wenn sie nach dem Crash aus dem Wrack klettern und zum nächsten Start antreten?

Was geht einem 15-Jährigen durch den Kopf, wenn er dem Erwartungsdruck der Freunde, Eltern und den Talent-Scouts gerecht werden will? Und wie wird er oder sie damit fertig, wenn nach einer Saison Ende ist, wenn der Einsatz verspielt ist? Nicht alle Kids stammen aus wohlhabenden Häusern, manche Pfandsiegel  stürzen nach einem Ausflug in den Rennsport der Kinder ganze Familien ins Unglück. Nur wenigen gelingt der Durchbruch.

Wir tragen als erwachsene Akteure im Motorsport eine große Verantwortung. Sowohl im Hinblick auf die Sicherheit wie auch für die Entwicklung unserer Jugend. Gebt ihnen Zeit zur Reife und zur soliden Finanzierung. Lasst die Familien nicht euphorisch ins Verderben rasen. Motorsport erfordert ganze Kerle (und Mädchen!), gefestigt und mit Renn-Intelligenz. „This is not Super-Mario“ haben FIA-Leute  den Baby-Racern nach Monza gesagt. Motorsport kann herrlich sein, aber der Jugend-Hype gefährlich!

Herzlichst Euer
Karl-Friedrich ‚KaFi‘ Ziegahn