Editorial: Dramatische Entwicklungen

In seinem monatlichen Editorial in der ’sport auto‘ bezieht DSK-Präsident Dr. Karl-Friedrich Ziegahn Stellung zu aktuellen Themen.

Der Unfall beim Auftakt-Rennen zur VLN Meisterschaft hat uns auf brutale Weise aus den runden Tischen und Gesprächsrunden in die Wirklichkeit katapultiert; genauso spektakulär wie der Wagen nach der Kuppe abhob und auf die Zuschauerplätze flog. Zahlreiche Fragen eskalierten noch am selben Tag und zeigten deutlich, dass alle Verantwortlichen im Motorsport jetzt gefordert sind. In der Spannbreite von Verhaltensweisen, die von ‚Aussitzen‘ bis ‚hektischer Aktionismus‘ reicht, sind Grundätze eines erfolgreichen Krisenmanagements zu berücksichtigen: Ruhe bewahren, Führungsstärke beweisen, Fakten und Ursachen ermitteln, Konsequenzen ableiten und letztendlich Schaden minimieren sind unverzichtbare Schritte. Dazu gehören Transparenz und Ehrlichkeit sowie die Einsicht, wer an welchen Stellschrauben drehen und etwas bewirken kann.

Was heißt das nun konkret? Der Unfall hat einer breiten Öffentlichkeit drastisch die Risiken des Rennsports vor Augen geführt. Rennwagen und Rennstrecken stehen in einem Wechselspiel; sie müssen zueinander passen. Wenn die Piste bleibt, müssen die Fahrzeuge angepasst werden. Wer die Nordschleife erhalten will, muss die Technik nutzen und beispielsweise Grip reduzieren, egal, ob über Reifen, Aerodynamik oder Leistung.

Vom Schreiben dieser Zeilen bis zum Erscheinen des Heftes (sport auto, Ausgabe 05/2015) werden solche Entscheidungen getroffen worden sein.

Eines aber ist auch heute schon klar: Die Wirklichkeit ist kompliziert. Es gibt emotionale und kommerzielle Aspekte, Egoismen, offene und verdeckte Motive bei den verschiedenen Beteiligten. Vom Streckenbetreiber bis zu reinrassigen Motorsportbetrieben, deren Arbeitsplätze von einem erfolgreichen Risikomanagement abhängen, vom Fahrer bis zum Zuschauer, von den Verbänden bis zum Dachverband, trägt jeder jetzt ein gehöriges Maß an Verantwortung. Daran muss ich alle erinnern: Haudrauf- und Totschlag-Forderungen schaden letztlich der Nordschleife und dem Rennsport. Konsequenzen müssen daher mit Sachkunde, Vernunft und Augenmaß gezogen werden.

Herzlichst Euer
Karl-Friedrich Ziegahn