Der 16-jährige Finn Niklas Wollnik aus Steinfeld beweist, dass Besonderheiten im Motorsport kein Hindernis sind. Trotz einer frühkindlichen Autismus-Diagnose (Kanner-Syndrom) schaffte er in seiner erst zweiten Saison im ADAC Tourenwagen Junior Cup den Sprung aufs Gesamtpodium. Als Mitglied im Deutschen Sportfahrer Kreises profitiert er vom großen Netzwerk des Vereins und dessen Engagement für Vielfalt im Motorsport.
2020 stieg Finn während eines Urlaubs zum ersten Mal in ein Kart. Und wollte danach nicht mehr aussteigen. Nach seiner Rückkehr schloss er sich seinem regionalen Kartclub an. „Ich habe mich immer schon für Autos interessiert“, erinnert sich Finn. „Aber in meiner Familie hat niemand vor mir Motorsport betrieben.“Schnell wurde klar, Finn hat Talent. „Ich kann mich schnell an neue Motoren, ein neues Kart gewöhnen.“ Bereits im ersten Jahr erreichte Finn im Kartslalom Top 5-Ergebnisse und wusste: „Das ist mehr als ein Hobby. Ich möchte was erreichen.“
Finns Weg führte ihn über den Rundstrecken-Einsteiger-Cup des ADAC Niedersachsen-Sachsen-Anhalt über den Norddeutschen ADAC Kart-Cup zur RMC Cup Series, wo er 2023 den dritten Gesamtplatz erreichte. Nur ein Jahr später kam der große Wechsel in den ADAC Tourenwagen Junior Cup mit Georg Motorsport e.V.

Doch der Start in die Debütsaison verlief anders als erwartet. „Das erste Rennen war gut. Ich fühlte mich wohl im Auto, konnte Platz neun holen“, erzählt Finn. „Doch gleich beim zweiten Rennen hatte ich einen Unfall und brach mir das Handgelenk.“ An diesem Punkt hätten viele aufgehört, nicht so Finn. „Ich hatte bloß Angst, dass ich beim nächsten Rennen nicht fit genug sein könnte, um wieder ins Auto zu steigen.“ Sechs Wochen später war er beim nächsten Rennen wieder am Start. Seine erste Saison in der Rundstrecke beendete er als bester deutscher Rookie auf Platz sieben.
2025 hätte es nicht besser laufen können. Am Nürburgring holte Finn seine ersten Podiumsplätze, wurde einmal Dritter und einmal Zweiter. Am Salzburgring folgte der nächste zweite Platz, am Hockenheimring zweimal Platz vier. Diese konstant guten Ergebnisse brachten ihm Platz drei in der Gesamtwertung ein. „Ich bin sehr, sehr zufrieden mit dem dritten Platz. Ehrlich gesagt, wir waren alle sprachlos“, fasst Finn seine Saison zusammen.
Was viele nicht wissen: Finn hat das Kanner-Syndrom, eine Form des Autismus, die ihn im Alltag oft herausfordert. „Ich nehme die Welt anders wahr. Wenn ich zum Beispiel auf eine Geburtstagsfeier gehe, bei der ich die Leute und den Ort nicht kenne, fühle ich mich so angespannt, dass ich nicht frei sprechen kann“, erklärt Finn.
Doch wenn er zur Rennstrecke kommt, bereitet ihm sein Autismus keine Probleme. „Beim Tourenwagen-Cup fühlt sich alles wie zu Hause an. Ich brauche höchstens eine Stunde und fühle mich genauso wie alle anderen!“ Und im Rennwagen wird seine Besonderheit zur Stärke. „Ich bin viel fokussierter als meine Konkurrenten, kann mich schneller auf ein Rennen einstellen. Das macht mich aus“, sagt Finn selbstbewusst.
Finns Geschichte zeigt exemplarisch, wofür der Deutsche Sportfahrer Kreis steht. Als Mitglied profitiert Finn vom großen Netzwerk des Vereins und von dessen jahrelanger Erfahrung in allen Bereichen des Motorsports. Dazu kommt, dass der DSK Unterzeichner der Charta der Vielfalt im Motorsport ist, ein klares Bekenntnis dafür, dass Motorsport für alle da ist, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder besonderen Bedürfnissen.
„Natürlich ist es alles möglich, auch für Menschen mit Besonderheiten. Man muss es einfach nur wollen“, sagt Finn. Seine Botschaft an andere junge Menschen mit Einschränkungen ist klar: „Macht euer Ding, verfolgt euren Traum. Dann klappt es irgendwann.“
Möglich macht Finns Karriere auch seine Schule. Der 16-Jährige besucht eine Förderschule, die speziell auf Menschen mit Besonderheiten ausgerichtet ist. „Die Schule macht voll mit und unterstützt mich“, freut sich Finn. „Zu Beginn des Jahres muss ich nur die Renntermine vorlegen, dann bin ich entschuldigt.“
Dass die schulischen Leistungen stimmen, beweist Finn eindrucksvoll: „In diesem Schuljahr kann Finn seinen Hauptschulabschluss machen. Das hätten wir vor ein paar Jahren nicht gedacht. Für uns ist das fast wie Abi“, sagt Finns Vater Mario Wollnik stolz.

Finns Professionalität zeigt sich auch in der Vorbereitung. Im Simulator fährt er jede Strecke vorab, studiert Kurven, Bremspunkte, die perfekte Linie. Dazu kommt intensives körperliches Training. „Ich mache viel Sport, um körperlich fit zu sein“, erklärt Finn.
Und dass er im Motorsport nach oben will, hat sich vor Kurzem erneut gezeigt. „Ich durfte beim Talent Day des ADAC Weser-Ems einen Mercedes-AMG GT4 testen, die nächsthöhere Klasse. Das war super. Ich bin echt gut mit dem Auto klargekommen“, strahlt Finn.
Für die kommende Saison hat Finn klare Ziele: „Wir geben nochmal Gas im Tourenwagen Junior Cup, um wirklich um den Meistertitel zu kämpfen.“ 2027 möchte Finn den Sprung in den BMW M2 Cup oder die GT4 Germany schaffen. Und dann? „Mein großes Ziel ist es, in ein paar Jahren in der DTM zu fahren.“
Mit seiner Entschlossenheit, seinem Talent und der Unterstützung durch seine Familie, seine Schule und Institutionen wie den DSK hat Finn alle Voraussetzungen dafür. Seine Geschichte beweist, dass es im Motorsport nicht darauf ankommt, wo man herkommt oder welche Besonderheiten man hat. Was zählt, sind Leidenschaft, Wille und Talent. Und davon hat Finn mehr als genug.